Tyskland - fra Rødhætte til Rammstein

Åbn undermenuer...

Tekst 17: Kerstin Hensel: Das geflügelte Volk (Ost)


Die Worte wohnraumendversorgt und Zuzugsverbot hatten sich in die Wände meiner Leipziger Tiefparterrewohnung eingenistet wie der Ameisenstaat, der sie langsam zerfraß. Bis sich eines Tages das Mauerwerk sonderbar wölbte, der Putz großflächig bröckelte und plötzlich Tausende geflügelter Insekten im Zimmer herumschwirrten. Manche taumelten aufwärts zum Licht der Lampe; manche verbrannten sich an der Glühbirne. Anderen war der Flug aus dem Nest wohl zu mühevoll gewesen. Mit schweren Flügeln fielen sie auf die Dielen, wo sie noch eine Weile mit den Beinen ruderten, bevor sie starben. Die meisten Ameisen aber versammelten sich an den Fensterscheiben, wo sie orientierungslos herumkrabbelten und aufsässig brummten. Bis auch diese erschöpft waren und ich sie schaufelweise vom Fensterbrett kehren konnte. Ich war vor dem Geschwader der Emsen erschrok-ken, ja panisch und wollte - seit sieben Jahren schon! - einfach nur aus dieser Bruchbude 'raus. Und zwar: Auf nach Berlin!

Ich galt mit meiner Ameisengrotte als wohnraumendversorgt, und in Berlin herrschte Zuzugsverbot. Das heißt, man durfte nicht von außerhalb in eine Stadt mit Zuzugsverbot ziehen, es sei denn, man hatte einen Arbeitsvertrag für eine feste Anstellung vorzuweisen oder wurde offiziell in die Stadt berufen. Ich hatte nichts dergleichen, dafür einen fünfjährigen Sohn, kaum Geld, ein paar verdächtige Schreibversuche, aber die Zuversicht: es würde sich bald alles im Staate ändern. Jeder, der sehen konnte, wie sich das Land in seiner Rückständigkeit verzehrte, mußte diese Zuversicht mit mir teilen.

Anfang 1989 erhielt ich das Angebot der Hochschule für Schauspielkunst Berlin, stundenweise auf Honorarbasis das Fach Deutsche Verssprache zu unterrichten. Dies hatte ich dem Dichter Karl Mickel zu verdanken. Nun galt es, nach geraumer Zeit des Pendeins zwischen Leipzig und Berlin, den Umzug in die Hauptstadt zu erzwingen. Trotz Zuzugsverbots.

Welt, ich komme! dachte ich, zertrat die letzten der geflügelten, allesamt lebensunfähigen Ameisen und schrieb einen Brief ans Ministerium für Kultur. Ohne eine Spur Respekt oder gar Furcht vor den Genossen. Wenn man mir nicht, drohte ich übermütig, auf schnellstem Wege eine menschenwürdige Wohnung in Berlin besorgte, würde die DDR bald eine »begabte Nachwuchsschriftstellerin« weniger haben. Mein Abflug nach Westen stünde unmittelbar bevor. Ich schilderte dem Ministerium in expressionistischer Prosa den Zustand meiner gegenwärtigen Behausung und verschärfte meine Drohung damit, daß ich einen Roman über Mauerameisen zu schreiben gedachte ...

Dieser Brief, ein paar Jahre früher verfaßt, hätte mir keine Wohnung in Berlin, sondern eine Zelle in Bautzen eingebracht. Daß mir das Ministerium, ohne auch nur einmal Kontakt zu mir aufzunehmen, umstandslos! einen Schlüssel sowie einen Zettel mit handgekritzelter Adresse schickte, sah ich als endgültiges Zeichen dafür, daß dieses System am Ende war. Es war am Ende, nicht etwa weil die Regierung aus ihren Fehlgeboten und dummen Sicherungstaktiken gelernt, sondern weil sie Angst hatte. Angst vor der Auflösung, in der sich ihr Herrschaftsbereich befand, und Angst vor mir! Der Sozialismus war so porös geworden wie die Wände meiner Leipziger Bude.

Berlin-Hellersdorf, Luckenwalder Straße. Ich dachte: Gut, die Adresse lautet Berlin und nicht Bautzen; sie haben deinen Wunsch erfüllt; nimm, was dir gegeben; sei froh, daß du hast. Vor allem hatte ich: keine Wahl. Im August 1989 zog ich mit Kind & Kegel, mit Matratze & Schreibmaschine in den siebten Stock eines Hochhauses, an den damals äußersten Rand von Berlin, wo der Kreis Strausberg begann. Das Plattenbaugebiet Hellersdorf war noch im Entstehen: die Häuser im Rohbau, die Straßen notdürftig mit Beton belegt, keine Straßenbeleuchtung, die nächste Bushaltestelle zwanzig, der Kindergarten dreißig Minuten entfernt. In Bauwagen wurden die wichtigsten Nahrungsmittel angeboten. Vom Fenster aus zu sehen: ein weiter Himmel, märkische Felder; Hasen, die ihr angestammtes Terrain suchten. Als erster Mensch zog ich in einen Rohbau, in dem noch nicht mal die Treppengeländer befestigt waren. Ganz allein wohnte ich nun notversorgt in einem Hochhaus, das noch nicht zum Bezug freigegeben war.

Jedenfalls lebte ich an einem verwunschenen Ort. Der Wohnraum selbst war im Vergleich zu meiner Ameisenbude luxuriös: zwei Zimmer mit Bad, Balkon und Fernheizung, aber ich hatte weder Femseher noch Telefon. Nur zeitweise bekam die Wohnung Strom. Ab September wurde für einige Stunden am Tag die Heizung angeschaltet. Nachts war meine Umgebung finster wie der sächsische Wald. Nur wenn ich tagsüber in der Stadt war, in der Schauspielschule oder bei Freunden, vergaß ich meine Randexistenz. Ich klagte nicht, denn ich hatte ja diesen Schrei: Auf nach Berlin! selbst getan. Mitunter saßen der Dichter Mickel und ich im 11. Stock seiner Hochhauswohnung auf der Karl-Liebknecht-Straße, einen Steinwurf vom Alexanderplatz entfernt, und schauten aus dem Fenster auf die Züge der Montagsdemonstrationen. Na also, dachte ich, es geht los! Doch das Skandieren von Parolen, das rhythmische Rufen im Gleichlaut der Massen machte mich mißtrauisch, wie alles, was in Massen daherkommt. Dem Feingeist Mickel machten die Demonstrationen vielleicht sogar Angst. Er legte dann klassische Musik auf den Plattenteller - gegen das Gebrüll, wie er mürrisch behauptete.

Am 9. November befand ich mich zu Hause in dem außerirdischen Neubau. Das Kind hatte erhöhte Temperatur. Ich versuchte, sie mit Wadenwickeln zu senken. Trat ich ans Fenster, sah ich die Hasen hoppeln, und links in der Ferne, wo Marzahn lag, flackerten Lichter. Der märkische Wüstensand häufelte sich in dünnen Dünen auf dem Balkonboden an. Die Luft roch frühwinterlich, und mir grauste ein wenig vor meiner Verbannung, die sich Berlin nannte. Das Kind quengelte und wollte zur Fiebersenkung Zupfgeigenhansls freche Volkslieder hören. Nach dem gemeinsam gesungenen Ach, du lieber Augustin, alles ist hin! schlief das Kind endlich. Ich bereitete den Unterricht für den nächsten Tag 


vor: »Die Verwendung des antiken Versmaßes in der europäischen Gegenwartsdichtung«. Da meist um 22 Uhr der Strom abgeschaltet wurde, legte ich mich um diese Zeit ins Bett und schlief sofort ein. Kein Sektkorken knallte in meiner Nachbarschaft. Kein ferner Feuerwerksböller konnte mich wecken.

Der Pförtner der Schauspielschule sah aus wie der Busfahrer: als hätte er geweint. Davon, daß nicht, wie sonst, im Foyer Studententumult herrschte, ließ ich mich wiederum nicht irritieren, sondern eilte in den Vorlesungsraum. Wie immer. Dort wartete ich. Kein Student erschien. Längst war das akademische Viertel vorbei. Ich prüfte meinen Kalender, ob ich mit dem Vorlesungsplan richtig lag. Der Kalender sagte: ja. Ich lief ins Foyer zurück und forschte auf der Tafel, wo die neuesten Bekanntmachungen standen, ob für diesen Tag vielleicht eine Sonderveranstaltung oder ein Betriebsausflug vorgesehen war, von dem ich nichts wußte. Nichts.
»Wat such'n Se denn?« rief der Pförtner aus seiner Loge.
Ich sagte: »Meine Studenten.«

Der Pförtner grinste wie besoffen, dann schlug er sich auf die Schenkel und grölte: Kreuzberger Nächte sind lang! ... Aber dann! Aber dann!In diesem Moment kam glücklicherweise unsere Sekretärin, eine volle Stunde zu spät! mit flatternden Armen durchs Foyer gestürzt. Sie mußte es wissen!

»Was ist los? Wo sind die Studenten?!« Die Sekretärin umarmte mich, flog vor Glück ein Stück in die Höhe und rief den erlösenden Satz:
»Wissen Sie denn nicht? Die Grenze ist auf!«
Die Grenze war also auf. Ich stand einen Moment verdattert und sagte beinahe empört:
»Na schön, aber da kann man doch trotzdem zum Unterricht erscheinen.«
»Ich war drüben! Ich war drüben!« kreischte die Sekretärin und tänzelte durchs Foyer in ihr Büro.
Ja, ich hatte richtig gehört: Die Grenze war auf. Mit einem Mal. Einfach so. Über Nacht. Ohne Kampf. Ohne mich zu informieren. Ich hatte es ja gewußt! Nicht den genauen Tag, aber daß es so kommen würde. Heute oder morgen oder übermorgen. Ich hatte den Studenten oft gesagt: Es wird mit diesem Land nicht mehr lange dauern. Nun war das Eis gebrochen und die Mauer gefallen. In meinen Augen war das ein ganz normaler, folgerichtiger Vorgang. Ein Schritt in eine neue Zeit, in ein anderes Leben. Der gesetzmäßige Gang der Geschichte, aber doch nichts, was den Alltag außer Kraft setzte! Ja gut, man stößt aufs Neue an, macht Party bis zum Morgen, aber man kann sich doch nicht, bitteschön, am nächsten Tag eine Vorlesung über antike Verse entgehen lassen! - So dachte ich. Als ein paar Studenten dann doch noch erschienen, ganz taumelig vom nächtlichen Ausflug, hörte ich einen voller Bewunderung sagen:

»Woher, Frau Hensel, haben Sie das gewußt?«
Am Abend sangen mein Sohn und ich Lieder vom Zupfgei-genhansl. Vom Pfarrer, der seinen Arsch zum Fenster 'raushängt, fidiridirallala, und alles, was das Sohnesherz begehrte.
Aber wir sangen auch aus voller Kehle: Bald gras' ich am Neckar, bald gras' ich am Rhein ... Und als ich noch einmal auf den Balkon trat, waren sogar schon die Hellersdorfer Hasen entschwunden. Wahrscheinlich in den Grunewald.

Mitte Dezember wurde der Wohnblock offiziell zum Bezug freigegeben. Bald sollte ich also nicht mehr allein sein. Eigenartige Leute zogen in das Hochhaus. Alle waren sie von ähnlicher Erscheinung: grob im Ton, ruppig, laut. Manche verhielten sich ganz still und geduckt, als würde ihnen jemand auf der Spur sein. Viele der neuen Mieter waren tätowiert, lärmten in der Baustellenödnis herum und prügelten sich. Ihre Kinder klauten meinem Sohn den Luftroller und legten uns ihren Müll vor die Tür. Eines Tages traute ich mich, meine Nachbarin, die friedfertig mit einer Schnapsflasche kommunizierte, zu fragen, was denn mit all diesen Leuten los sei. Die Frau schaute mich verächtlich an, dann riß sie die Arme hoch und rief:

»Raus! Endlich 'raaaausss!!«
Ich bestätigte das Glücksgefühl, nach fast dreißig Jahren DDR-Verschluß endlich in den Westen fahren zu können. Ich nahm sogar einen Solidaritätsschluck aus der Schnapsflasche meiner Nachbarin, fragte mich jedoch, woher diese sonderbare Verzweiflung der Zugezogenen kam.
Bald erfuhr ich, daß, unter anderem infolge einer Amnestie, der gesamte Wohnblock mit entlassenen kriminellen Knastbrüdern und sogenannten »schwer integrierbaren« Bürgern besiedelt werden sollte und auch wurde. Endlich 'raus! -damit war bei denen nicht der Mauerfall gemeint. In wilden Feten und Fehden feierten die Leute ihre neu gewonnene Freiheit. Kamen sie von der Arbeit, brüllten sie ihren Durst heraus. Durch die Heizungsrohre des Plattenbaus verstärkte sich das Gebrüll, und ich dachte oft sehnsuchtsvoll an die schöne märkische Wüstenstille, die mich bis vor kurzem noch hier umgeben hatte.

Als im Hellersdorfer Hochhaus die letzte Wohnung bezogen war, stand eines Tages die Polizei vor meiner Tür. Es hätte von mehreren Hausbewohnern eine Anzeige gegen mich gegeben: wegen Asozialität und Arbeitsbummelei. Ach ja, man hätte beobachtet, daß ich nicht jeden Tag zur Arbeit fahre, das Kind keinen Vater hätte, ich regelmäßig von fremden Leuten Besuch bekäme und außerdem eine Schreibmaschine besäße, die einen Höllenlärm verursache. Die Polizei sah sich in meiner Wohnung um, schritt von Bücherregal zu Bücherregal. Einer fragte grinsend:

»Hammse det allet jelesen?«
»Und noch mehr!« sagte ich.
Mit einem »Nüscht für unjut!« verabschiedeten sich die Polizisten. Intellektuellenschlampe nannte mich meine Hausgemeinschaft und verachtete mich noch mehr, als die Polizei meinen »Fall« einfach zu den Akten legte.
Nachts träumten mir Myriaden geflügelter Ameisen, die aus ihrer Mauerhöhle ausbrechen wollten. Sie durchstießen die Wand, plumpsten mit schweren Flügeln auf den Boden und verwandelten sich dort in lauter winzige tätowierte Menschlein. Wir sind das Volk! piepsten die Menschlein, stellten sich in Gruppen auf, stampften mit den Füßen und riefen mir zu: »Ar-beit! Ar-beit! Ar-beit!«

Die Nacht, in der die Mauer fiel, Renatus Deckert, 2009