Tyskland - fra Rødhætte til Rammstein

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Tekst 18: André Kubiczek: Mein Leben als Wüstenfuchs. (Ost)


Die Tage begannen um sechs und waren um zehn zu Ende.
Meine Aufgabe war es, Verbindung mit den Hubschraubern zu halten, die Flüge der Maschinen anzumelden, den Funkverkehr auf Drahtspulen mitzuschneiden, die Landeparameter durchzugeben.

Mein Name war Wüstenfuchs, meine Kontaktleute hießen Preßluftbohrer und Gambit. Ich trug einen schwarzen Mechanikeroverall, Schnürstiefel und eine dunkelblaue Filzmütze der Kasernierten Volkspolizei, die ich beim Stöbern in der Kleiderkammer gefunden hatte.

Die Mahlzeiten strukturierten die Tage. Frühstück gab es um sieben, mit Semmeln vom Bäcker aus der Stadt, die der Uriteroffizier vom Dienst direkt aus der Backstube holte. Das zweite Frühstück brachte mir ein Soldat auf den Turm: eine Scheibe Kasseler oder eine Bratwurst oder Rührei mit Schinken. Mittags gab es das warm gehaltene Kantinenessen der Grenzkompanie aus dem Tal, das der Fahrer vom Dienst mit seinem Barkas auf den Flugplatz brachte.

Das Gelände war an die sechs Hektar groß. Im Sommer kamen ein Schäfer und seine Herde auf das Flugfeld. Die Tiere weideten dort bis in den Herbst. Zum Abschied briet der Schäfer eines der Lämmer über dem offenen Feuer, keine zwanzig Meter vom Stellplatz der Mi-24 entfernt, die zum Kampfhubschraubergeschwader Cottbus gehörte und auf ihren Einsatz wartete.

Zum Nachmittagskaffee schmierte man sich ein Brot mit Schmalz, das die Küchenfrau nach traditioneller Art zubereitete. Es roch nach Majoran und enthielt Grieben und Stücke von Zwiebel und Apfel. Ab sechs dann teilte die Küchenfrau das Abendbrot aus: Wurstsuppe, Schmelzkäse, Aufschnitt. Nicht einen Tag, an dem der Brathering gefehlt hätte. Punkt acht öffnete für eine halbe Stunde die Verkaufsstelle, in der man Kaffeepulver erwerben konnte, Zigaretten, Kekse und nichtalkoholische Getränke.

Die Versetzung aus Nordhausen ins thüringische Meiningen, einen Außenposten, stellte sich als Glücksfall für mich dar, oder besser: als ein Fall von Glück im Unglück. Denn natürlich war es ein großes Unglück gewesen, mit achtzehn den Wehrdienst anzutreten. Es war furchtbar, in der Unteroffi-ziersschule den hundert Meter langen Flur zu bohnern und sich vorzustellen, daß dies die nächsten tausend Tage so ginge. Nach einem halben Jahr aber hatte man sich mit der Situation abgefunden. Wenigstens hörten die meisten auf, ihr Unglück zu beklagen, und begannen statt dessen, die Tage herunterzuzählen: Es war eben nichts weiter als eine kleine Ewigkeit in der großen Ewigkeit des nie enden wollenden Sozialismus.

In Meiningen ging es, anders als in Nordhausen, wo das Gros der Hubschrauberstaffel 16 stationiert war (deren Aufgabe die Inspektion, Kontrolle und Kartographie der Staatsgrenze war), fast familiär zu. Zwei Offiziere, zwei Fähnriche, ein Dutzend Unteroffiziere, zwanzig Soldaten sowie die Besatzungen der beiden Hubschrauber (neben der Mi-24 eine unbewaffnete M1-2), die im Wochenrhythmus ausgetauscht wurden. Es gab einen Zwinger mit Wachhunden, von denen es hieß, sie seien im Grenzdienst neurotisch geworden und erhielten auf dem Flugplatz, wo sie an Stahlseilen entlang der Maschendrahtumzäunung gingen, ihr Gnadenbrot. Mit den Hunden, die nicht im Dienst waren, konnte man über das Flugfeld spazieren, man konnte Knüppel werfen, die sie zurückbrachten. Man hätte sie füttern und striegeln dürfen.

Unten in der Stadt gab es ein Theater, zwei Diskotheken, ein Kino und eine Handvoll Kneipen, in denen man sich betrinken konnte, wenn man einmal in der Woche Ausgang hatte. Im örtlichen Plattenladen lag die polnische Lizenzpressung der Fresh Fruit for Rotting Vegetables-LP von den Dead Kennedys herum, monatelang. Ich kaufte zehn Stück und verteilte sie an meine Freunde zu Hause. Im Fotogeschäft erstand ich eine Spiegelreflexkamera, die so viel kostete wie zwei durchschnittliche Monatsgehälter. Ich bekam mehr Geld als ein normaler Schichtarbeiter.

Der Stabsfeldwebel war mein unmittelbarer Vorgesetzter. Er verteilte die Pakete, kontrollierte sie stichprobenartig auf Alkohol. War der Stabsfeldwebel nicht da, hatte ich ihn zu vertreten. Wenn ich den Schnaps durchließ - ich wußte, daß er sich in Obstkonserven befand und in Shampoo-Fla-schen -, konnte ich am Abend zum Empfänger des Paketes gehen und mir meinen Anteil abholen. Deshalb ließ ich den Schnaps immer durch. Meine Oma packte mir Bierbüchsen aus dem Intershop in die Pakete, jede einzelne sorgfältig mit Staniolpapier umwickelt. Meine Pakete wurden nicht kontrolliert. Ich trank das Bier allein, abends in meinem Dienstzimmer, das »der Turm« genannt wurde, obwohl es nicht mehr war als ein dreißig Quadratmeter großer Raum im oberen Geschoß des zweistöckigen Wirtschaftsgebäudes. Ich besaß den Schlüssel zum Turm, und da es mir niemand ausdrücklich untersagt hatte, nutzte ich ihn auch in der Freizeit, um zu lesen, um Briefe zu schreiben. Auch tagsüber gab es nicht viel zu tun. Den Stabsfeldwebel störte es nicht, wenn ich las. Er selbst löste Kreuzworträtsel während des Dienstes oder lötete an alten Radios. Wir überlegten, ein Aquarium für den Turm anzuschaffen, gegen die Langeweile, aber der Stabsfeldwebel entschied sich schließlich für die Errichtung eines Gewächshauses. Wir bauten es auf eine Fernwärmeleitung, die hinter dem Turm 


durch den Boden ging. Ich kittete Glasscheiben und versiegelte das Fundament. Ich schaffte es innerhalb einer Woche, John Dos Passos' U.S.A.-Trilogie zu lesen.

Außerdem war der Stabsfeldwebel für die Koordination des Urlaubs zuständig. Der Urlaubsplan für das Jahr 1989 wurde im Herbst 1988 fertiggestellt. »1989« bedeutete aus der Perspektive des Jahres 88 vor allem eines: den 40. Geburtstag der DDR, Aufmärsche, Paraden, den üblichen Quark, der bis zur Hirnerweichung gepeitscht werden würde, das Gerede über den Sozialismus in den Farben der DDR<, das nichts anderes meinte, als daß Glasnost und Perestroika im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat nie eine Chance hätten. Von 1988 aus betrachtet, wäre 1989 ein weiteres deprimierendes Jahr geworden.

Ich gruppierte die vierzehn Tage meines Jahresurlaubs um den 7. Oktober, den Geburtstag der DDR.

Mein Abitur hatte ich an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät gemacht, am Institut zur Vorbereitung auf das Auslandsstudium, mit dem Schwerpunkt Mathematik. Ich hätte in Moskau Wirtschaft studieren und nach dem Studium in der Staatlichen Plankommission arbeiten sollen. Vorher hätte ich nur ein halbes Jahr Wehrdienst absolvieren müssen, in einem Motschützenregiment bei Weißenfels.

Mitte der 12. Klasse wollte ich nicht mehr den Plan erfüllen, den man für mich ausgeheckt hatte zu einer Zeit, als mir egal war, was ich einmal werden würde. Ich entschied mich statt dessen, Germanistik zu studieren, fuhr nach Leipzig, absolvierte eine Prüfung und ein Gespräch und wurde zwei Monate später zugelassen für das Herbstsemester 1990. Germanistik zu studieren bedeutete 1986 in der DDR, zu den Wenigen zu gehören. Es bedeutete, später an einem Theater arbeiten zu können, in einem Verlag, möglicherweise in einem Kulturzentrum im Ausland. Es bedeutete, nicht zwingend in die SED eintreten zu müssen, um einigermaßen gut leben zu können. Es bedeutete aber auch, sich im Wehrkreiskommando für drei Jahre Dienst zu verpflichten. Aus der Perspektive von 1986 war das ein kleiner Akt des Opportunismus, der einen großen persönlichen Vorteil nach sich gezogen hätte, in einer Zukunft, die es dann doch nicht geben sollte.

Ein ehemaliger Klassenkamerad, der in Moskau studierte, schickte mir eine Einladung, und Anfang Oktober 89 flog ich mit einer TU 134, in deren Heck man rauchen durfte, in die sowjetische Hauptstadt. Mittlerweile war das Neue Forum gegründet worden, und die Prager Botschaftsflüchtlinge lebten bereits in der BRD oder waren auf dem Weg dorthin.

In Moskau wohnte ich in einem Studentenwohnheim, das Wasser schmeckte nach Chlor, und das Bier in der Stadt war rationiert worden, um den Alkoholismus einzudämmen. Nachmittags öffneten die Kioske für ein paar Stunden, und schon lange Zeit vorher bildeten sich Schlangen aus Trinkern, die leere Konservengläser bei sich hatten, kleine Eimer, Kochtöpfe. Es ging das Gerücht um, man habe am Stadtrand einen Kühlwagen mit gefrorenen Leichen gefunden, weshalb man keine Fleischpasteten mehr bei den alten Frauen auf dem Arbat kaufen solle. Am Abend des 8. Oktober trafen sich die deutschen Studenten in ihrem Freizeit-Club, um die Ereignisse in der Heimat zu besprechen, die Proteste und die Verhaftungen am Rande der Staatsfeierlichkeiten. Die Jugendfunktionäre, die das Treffen einberufen hatten, sagten, daß sie nicht wüßten, was von den Vorgängen zu halten sei.

Der Dienst nach dem Urlaub war anders, als er vorher gewesen war. Die Offiziere hatten sich von der nervösen Umbruchstimmung anstecken lassen und verloren auf diese Weise den Rest ihrer Autorität. Nordhausen, hieß es, befände sich in Alarmbereitschaft, Knüppel seien ausgeteilt worden. Am 1. November trat eine neue Innendienstvorschrift in Kraft, die das Tragen ziviler Kleidung während des Ausgangs erlaubte, sowie das Tragen eines Bartes im Gesicht.

Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, ob ich Günter Schabowskis Pressekonferenz im Fernsehraum verfolgt oder im Radio gehört habe. Ob das am 9. November passierte oder in einer der Wiederholungen am 10. Nur eines weiß ich genau: Fast jeder auf dem Flugplatz trug am Tag, an dem die Öffnung der Mauer verkündet wurde, einen Bart: die Piloten, die Offiziere, die Soldaten.

Ich stellte einen Antrag auf sofortige Entlassung. Man sagte, ich käme im Februar frei, acht Monate früher als geplant.

Der Stabsfeldwebel schickte mich in den Kurzurlaub, damit ich mir das Begrüßungsgeld abholen könne. Ich verzichtete, nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil ich keine Lust hatte, mich anzustellen. Als meine Oma davon Wind bekam, steckte sie mir hundert D-Mark aus ihrer Intershop-Börse zu. Von diesem Geld kaufte ich mir im Frühjahr, nach der Entlassung, ein Ticket für The Fall, die im Westberliner Metropol spielten, und nach dem Konzert einen Döner Kebab und eine Büchse Schultheiss. Ein einziges Mal rief ich den Stubenkameraden an, der noch nicht entlassen worden war. Er erzählte, daß jetzt ein Videorekorder im Fernsehraum stünde, mit dem die Einheit nach Dienstschluß Pornos guckte.

Die Nacht, in der die Mauer fiel, Renatus Deckert, 2009